Die Laute der Wandervögel
 

Im Quarterly, der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift der amerikanischen Lautengesellschaft, trug ich zu der Novemberausgabe 1997 einen Artikel zur Laute der Wandervogelbewegung bei, den ich hier in's Deutsche zurückübersetzt anbiete und in Kürze durch neue Informationen bereichern will.

Vorwort
Anfänge
Weitere Geschichte der Jugendbewegung
Repertoire
Technik-Schulen
Das Instrument

Bilder:

"Die Lustigen Wandervögel"
Heinrich Scherrer
Zupfgeigenhansl
Lautensänger spielt für Kriegsversehrte (1916)
Lauten
Bauplan
Aus einer Schule (vor 1914, Dank an David van Edwards für die Übersendung)
Bild1 Bild2


Bauplan
ein Lied
 

Vorwort:

Im Lutenet, einer EMail-Liste der Lautenisten weltweit (Anmeldung über Lute-request@cs.dartmouth.edu) gab es vor nunmehr einigen Jahren (1997) eine Diskussion darüber, ob die Laute jemals als Folklore-Instrument eingesetzt wurde. An dieser Stelle möchte ich ein Instrument vorstellen, welches man mit einigem Recht als Folklore-Laute ansehen kann.
Es gab und gibt keinerlei Zweifel daran, daß dieses Instrument nicht zur Aufführung "Alter Musik" gedacht war - noch ist man überhaupt in der Lage dazu, alte Musik darauf wiederzugeben. Nichtsdestotrotz handelt es sich um ein Lauteninstrument, das speziell zur Wiedergabe von Folklore konstruiert wurde und dessen Wirkungsgeschichte gleichzeitig als ein Beispiel für das (mißgeleitete) erwachende Interesse an "Historischer Aufführungspraxis" zu Beginn des 20.Jahrhunderts dienen kann. Ebenso markiert das Erscheinen der Wandervogellaute ein erstes Interesse an barocker Lautenmusik und Musik für Renaissancelaute als Gegenentwurf der Jugendbewegung zu der als affektiert empfundenen Salonmusik, die in dieser Zeit vorherrschte.

Anfänge:

1896 wurde in Berlin der erste Wanderverein gegründet. Dies war der Beginn der Jugendbewegung, der in Folge hundertausende von jungen Menschen folgten und die als wahrscheinlich größte und am längsten wirkende Bewegung des20.Jahrhunderts angesehen werden kann. Deren Ziele waren eher vage formuliert und begründeten sich im Allgemeinen in der Ablehnung der bourgeoisen Moral und Kultur. Im Speziellen lehnten die Wandervögel die Verstädterung, Industrialisierung und eine gewisse Oberflächlichkeit in der damals vorherschenden Salonmusik ab, welche sich in sinnentleertem Virtuosentum der Musiker und Musik um 1900 äüßern würde. Sie sprachen sich für eine "Rückkehr zur Natur" (und Natürlichkeit) aus, die sich durch Wandern und das Leben im Freien als Ausdruck des Protests gegen die Industrie und die Stadt äußerte.
Das Weltbild dieser Generation verdeutlicht sehr gut das Lied "Aus grauer Städte Mauern ziehn wir durch Wald und Feld" von Hans Riedl, das nahezu als Hymne der Jugendbewegung angesehen werden kann.
Entgegen dem vorherrschenden musikalischen Geschmack dieser Zeit wurden alte Volksweisen gesungen und gespielt um "der Gefahr der Verführung durch das rein Kulinarische" (Fritz Jöde) zu entgehen.
Die Idee des "Zurück zur Natur" bedingte auch eine Rückkehr zu früheren Gesellschaftsformen, die als schlichter und darum natürlicher empfunden wurden, wie zum Beispiel der Gesellschaft in Renaissance und Barock. Als Folge davon wurden auch "Alte" Instrumente und frühe Musik in das Repertoire der Wandervögel aufgenommen. Aus heutiger Sicht mutet dieser Ansatz sehr naiv an, auch wenn er wohlgemeint war.

Die Jugendbewegung in den 20ern

In den 20er Jahren des 20.Jahrhunderts zersplitterte sich die Jugendbewegung in verschiedene Vereine, die sich zunehmend politisierten. Einige schlossen sich sogar politischen Parteien an (vorwiegend aus dem sozialistischen oder sozialdemokratischen Lager). Andere gründeten kleine örtliche Musik- und Wandervereine, von denen viele bis auf den heutigen Tag existieren.
1934 wurde die Jugendbewegung von den Nazis absorbiert und deren Ziele im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie pervertiert. Die Jugendbewegung wurde in die HJ integriert.
Nach dem zweiten Weltkrieg gab es die Jugendbewegung dann faktisch nicht mehr, wenn auch die Ideen und Instrumente noch in den 50er und 60er Jahren recht populär waren. Nichtsdestotrotz verschwanden die Ideen und Instrumente fast vollständig im Laufe der 60er Jahre und wurden durch Pop-Musik und Stahlsaiten- (Western-) Gitarre ersetzt. Auch Folklore-Ensembles nutzen heute eher Stahlsaitengitarren als die Wandervogellaute. Sie wird dennoch von vielen Lautenbauern immer noch gebaut und ironischerweise oft in Mittelalter-Ensembles eingesetzt.

Repertoire:

Die erste Ausgabe der "Wandervogellieder" bestand aus einfachen Volksliedern, die mit einfachen, "durchgeschlagenen" Akkorden zu begleiten waren. Aber schon bald darauf kam mit der Ausgabe "Der Zupfgeigenhansl" (Schott, ed. 3586) eine anspruchsvollere Ausgabe heraus. Anspruchsvoller meint hier allerdings die Musik, nicht die Satzweise der enthaltenen Lieder! Diese Ausgabe ist in zweckgebundene Abschnitte gegliedert: es gibt Lieder unter der Überschrift "Abendlied", "Zum Tanz", "Auf der Landstraße", aber auch "Soldatenlieder". Die Begleitung dieser Lieder verlangte schon Kenntnisse, die über das I-IV-V Akkordschema hinausgehen und reines Durchschlagen als Technik wird von Heinrich Scherrer, der die Einleitung schrieb, für das Spiel in der Natur abgelehnt, da es ihr (der Natur) nicht entspräche. Die in diese Sammlung aufgenommene Musik reicht vom Mittelalter bis in die Zeit um 1900. Man findet darin auch einfache Versionen von Renaissance-Musik. (Zum Beispiel aus dem "Thysius" Lautenbuch von ca. 1600 "Der Winter ist vergangen" oder aus Fosters "Frische teutsche Liedlein" von 1549).

In der Einführung in das Spiel dieser Musik auch die Laute erwähnt: "Eine Laute sollte --- von bestem Klang sein aber ohne Verzierungen. Man sollte größte mögliche Sorgfalt beim Kauf einer Laute walten lassen. Das Meiste, welches  unter dem Namen Laute segelt hat mit diesem schönen, edlen Instrument weiter nichts als die äußere Form gemein ...".
Aber Heinrich Scherrer, der "königlich Bayrische Kammervirtuose", der diese Einleitung schrieb, sagt nichts darüber, wie denn nun eine Laute gebaut sein sollte oder wie sie gespielt werden muß. Alte Fotographien von professionellen Spielern zeigen, daß eine Art gemischter Technik (zwischen alter Lauten- und moderner Gitarrentechnik) vorherrschend gewesen sein muß, wenn auch die meisten Schulen nicht zwischen Laute und Gitarre unterschieden.
Die Musik wurde in Standardnotation, gelegentlich zweistimmig, notiert und mit Akkordsymbolen versehen. Im Anhang erklärt Scherrer die Akkordsymbole zu und wie die Musik zu spielen sei: In den Städten so laut als möglich und ohne auf technische Details zu achten, während man auf der Landstraße so zart als möglich spielen solle um einen Klang zu erzeugen als sei man Teil der Natur.

Technik - Schulen

Wird bald eingefügt!

Das Instrument der Wandervögel

Auch heute noch wird hierzulande, wenn man von einer "Laute" spricht, das Instrument der Wandervögel gemeint während die historischen Instrumente "Knickhalslaute" genannt werden. Man findet noch sehr viele dieser Instrumente aus der Zeit um die Jahrhundertwende, die mehr mit der barocken Mandora als mit der Renaissance- oder Barocklaute (aber auch der Gitarre) gemein haben.
Die am weitesten verbreitete Art der Wandervogellaute sah wie ein Zwischending aus Gitarre und Laute aus und wurde in einem Verhältnis entworfen, das dem "Goldenen Schnitt" entsprach, und somit die Zahlen 8:13:21:34 als Bauparameter für einige wesentliche Elemente der Laute galten. Zum Beispiel.

Daraus erfgab sich eine Mensur von 58,2 bis 62,8 cm.

Das gitarrengleiche Griffbrett mit fixen metallenen Bünden bestand aus 9 Bünden auf dem Grffbrett mit dem 10. bis 12. Bund auf dem Corpus. Der Wirbelkasten ist sanft zurückgebogen wie der einer Mandora mit modernen (Gitarren-) Mechaniken anstatt hölzener Wirbel. Die Rosette konnte eine Vielzahl von Designs haben, inklusive Gesichtern und Schlössern (eine Nachbarin hatte eine Laute mit Burg Elz - bekannt vom Geldschein - als Rosette). Gewöhnlich wurde die Wandervogellaute mit 6 Saiten in Gitarrenstimmung (E-A-D-g-h-e) bespannt, konnte aber zusätzlich mit Bordunen versehen werden, was bis zu 12 Saiten ergeben konnte. Die Saiten wurden am Steg wie bei der Westerngitarre üblich mit Knöpfen befestigt.
 

Thomas Schall
© 2000