Christian Gottlieb Scheidler

Der letzte Lautenist


 
 

Leider wissen wir nicht viel über die Person Scheidler, denn während der napoleonischen Kriege gingen wahrscheinlich die meisten fehlenden Unterlagen (so zum Beispiel das Sterbedokument, Geburtsurkunde etc.) verloren.

Die Bedeutung Scheidlers liegt darin, zum einen "Der letzte Lautenist" gewesen zu sein und zum anderen der erste bedeutende Virtuose auf der Gitarre, einem Instrument, daß zu Beginn des 19.Jahrhunderts in Deutschland eine Stellung einnahm, wie sie die Laute über Jahrhunderte inne hatte (also sowohl als populäres Instrument als auch als Instrument der Virtuosen).

Selbst, wenn es ältere deutsche Gitarrenquellen gibt ( zum Beispiel Adelheid von Bayern, Graf Logy, Andreas Bohr von Bohrenfels ) wurde die Gitarre erst nach 1800 in Deutschland populär, zu einer Zeit, als der frühere Hoflautenist des Kurmainzer Staates von der Laute zur Gitarre wechselte.

Obwohl er schon 1768 in Gerbers Lexikon als Komponist und Cellist erwähnt wird, darf man annehmen, daß Scheidlers Karriere 1778 begann, als er per Erlaß als Hoflautenist der Kurfürstlichen Hof- und Kammermusik angestellt wurde.

Von 1779 bis 1797, dem Ende des Kurmainzer Staates war Scheidler immer in der Beschäftigtenliste aufgeführt, zuerst als Cellist, seit 1792 als Faggot-Spieler, aber seit 1789 ist er ebenfalls als Hoflautenist erwähnt.

Scheidler folgte seinem Herren, dem Kurfürst Karl Theodor Freiherr von Dalberg, seit 1807 Großherzog von Frankfurt, einem leidenschaftlichen Anhänger Napoleon Bonapartes in das Exil. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er von Dalberg 1797 in seine neue Residenz Aschaffenburg begleitete. Ab 1806 wird Scheidler in Frankfurt (am Main) als Pensionär erwähnt, der wie alle Mitglieder des ehedem Kurmainzer Hofes eine Pension erhielt.

Es scheint eine Unterbrechung seiner Verpflichtungen von 1803 bis 1808 gegeben zu haben. Ab 1808 ist Scheidler bei der Theaterkapelle in Frankfurt verpflichtet.

The Leipziger Musikzeitung erwähnt ein Konzert, das Scheidler am 22. Januar 1806 gab: " .. gab Herr Arnold Konzert. Das erste Allegro und die Menuet aus Mozarts großer Sinfonie aus Es-dur leitete es ein ... Hier folgten auf jene gewaltigen Sätze Variationen für zwey Guitarren und ein Violoncell, komponiert von Hrn. Scheidler und gespielt von ihm, Dem. Jung, einer sehr talentvollen Liebhaberin, und Hrn. Arnold. Das angenehme Thema war so manigfaltig, und mit viel Kunst variiert, als es von der beschränkten Guitarre kaum zu erwarten stand. Eben so, und mit vielem Geschmack wurde es vorgetragen. Passagen und Läufe, Triller und Harpeggiaturen, hörte man mit großer Bestimmtheit und Deutlichkeit vorgetragen; dies mußte um so mehr Bewunderung finden, da man, wenigstens hier, gewöhnlich nur zu matter oder schlichter Begleitung eines Liedes und dgl. sich dieses Instruments zu bedienen pflegt . ... Dem. Jung ist die Schülerin eines Mannes, der ein so vollkommener Meister dieses Instruments ist, als man es seyn kann- des Hrn. Scheidler; und wenn man ihn hier nicht so kennet, als er es vor Vielen verdient, so liegt das gewiß nur an Zufälligkeiten und Nichtigkeiten. Hr. Scheidler war ehedem Hof-Lautenist bey dem Kurfürsten von Mainz, und in dessen Kapelle als Fagottist angestellt; er lebt jetzt hier von der Pension, .... , und von dem Ertrag der Stunden, in welchen er Unterricht auf der Guitarre giebt. Er ist nicht nur vielleicht der erste Lautenist und Virtuos auf der Guitarre in Deutschland, sondern auch ein wackerer Komponist. Die Kunst des reinen Satzes hat er recht eigentlich studirt, und ihre Regeln hält er heilig und unvebrüchlich, ohne dass seine Arbeiten dadurch steif und ungefällig würden. Er hat mehrere Konzerte und andere Stücke für die Laute und Guitarre geschrieben, aber noch nichts in Druck gegeben, und ist auch nicht Willens, je etwas öffentlich herauszugeben. Seine freie Phantasie auf jenen Instrumenten (Seine Guitarre hat sieben Saiten **) übertrifft die größte Erwartung. Außer einigen eigenen Kunstgriffen deren kunstreiche, überraschende Modulationen, Passagen aller Art, einfache und doppelte Triller, unter die gewiß seltenern und schweren Mittel, deren er sich mit Leichtigkeit bedient, seiner Phantasie Raum zu geben und auf die Zuhörer zu wirken. Er spielt selten in Gesellschaft, öffentlich gar nicht mehr; aber dem Freund, dem Kunstliebhaber entzieht er das Vergnügen, ihn privatim zu hören, niemals. Seine Methode des Unterrichts ist sehr zweckmäßig und leicht, und umso vorzüglicher, da er das Instrument aus Erfahrung sehr genau kennt und selbst so gut spielt."

Der hier gepriesene Scheidler hatte also niemals vor, Stücke zu veröffentlichen. Trotzdem sind uns einige Werke erhalten geblieben (interessanterweise trägt seine 1.Sonate für Violine und Gitarre die Werknummer 21). Hier eine kurze Auflistung:

Sonate pour Guitarre, Nr. 1.1. Eltwill, Zulehner 5 Pieces differentes pur Guitare. Eltwill, Zulehner Duo Nr.1.2. pour Guitare et Violin, Eltvill, Zulehner Allegro, Romanze und Rondo fnr Guitarre und Violine, Op.21. Wien, Haas Romanze pour Guitare composee par Ch. G. Scheidler, Mainz, Schott. Zwei Sonaten (in C-Dur und G-Dur), Rotterdam, Plattner (Facsimile bei Chantarelle Nr. ECH 304, Original "chez B.Schott a Mayence") (Anmerkung: Die Druckplattenm des Herausgebers Zulehner wurden von Schott zwischen 1811 und 1820 übernommen. Einige von Scheidler's Ausgaben kann man noch über Schott's Archiv in Mainz erhalten, während von anderen die originalen Druckplatten verschollen zu sein scheinen)

Eine Handschrift, möglicherweise ein Autograph mit Variationen über das "Champagnerlied" aus Mozarts "Don Juan" (in Mainz wurde "Don Juan" erstmals am 23. Mai 1789 aufgeführt) wird in Berlin aufbewahrt (eine Abschrift kann über mich bezogen werden).

Ein weitere Artikel mag das hohe Ansehen belegen, welches Scheidler genoß: ( Leipziger Theaterzeitung): " ... Potpurri für die Guitarre allein, von Giuliani, gesp. von Hrn. Brand. Die Komposition war unbedeutend und wurde auch nicht vorzüglich gut gespielt. Dies Instrument ist überdies bekanntlich gar nicht für große Concertversammlungen geeignet, und nur ein ganz ausgezeichneter Virtuos kann vielleicht einmal ein großes gemischtes Aufditorium damit allein unterhalten. (Ein solcher ist unser Hr.. Scheidler, der aber auch eine reiche Phantasie besitzt, deren Eingebungen er durch Kunst zu ordnen versteht, und Schwierigkeiten überwindet, die unmöglich scheinen.)"

Wir können Scheidlers Werdegang bis 1814 verfolgen. Solange ist seine Beschäftigung bei der Frankfurter Theaterkapelle belegt. Vieles spricht dafür, daß er im Jahr darauf in Frankfurt starb.

Literaturliste: Dr. Josef Zuth: "über Christian Gottlieb Scheidler", 1930. ders.: "Handbuch der Laute und Gitarre", Wien 1926 ders.: Vorwort zur Ausgabe von Scheidler's 1.Sonate für Violine und Gitarre (op.21) , Heinrich Hohler Verlag, Karlsbad (1931) Simon Wynberg, "Introduction" zur Ausgabe von Scheidlers Gitarre-Solosonaten

** Aus den Ausgaben für Gitarre Solo können wir ableiten, daß Scheidler die sechste Saite seiner Gitarre in G stimmte.

Thomas Schall