Festival der Laute in Dresden 23.3. bis 25.3.2001

 

Das langerwartete Dresdener Festival der Laute ist das größte Festival dieser Art weltweit und ein Ereignis nicht nur für Spieler der Laute. Natürlich steht die Laute im Mittelpunkt des Ganzen, doch finde ich es bemerkenswert, wie ausgewogen die Programme gestaltet sind, die dieses Festival prägen. Neben solistischen Lauten hört man die unterschiedlichsten Besetzungen. Selbst die Moderne wird dabei nicht ausgeklammert!

So begann auch das diesjährige Lautenfest mit einem Kammermusikalischen Vortrag des Dresdener Ensembles Lodi Musicali, das mit zwei Blockflöten, Cembalo und einem neuentwickelten Instrument nach Praetorius, einer Art Baßzister (davon mehr beim Bericht von Tag zwei) begann. Dieses Ensemble beschäftigt sich mit frühbarocker Musik und hat eine schöne Folge Kammermusik eines mir bis dahin unbekannten Komponisten aus dem beginnenden Generalbaßzeitalter zusammengestellt. Die beiden Blockflöten spielten stilsicher und klangschön, farbenfroh untermalt von den beiden Continuoinstrumenten. Eingebettet in dieses Eröffnungskonzert waren die Begrüßungsreden des Kulturamtsleiters, Dr. Barlmeyer, und des künstlerischen Leiters des Festivals, Lutz Kirchhof.

An diese schöne Eröffnung anschließend bot uns Beate Dittmann Musik der frühen deutschen Renaissance vom Feinsten. Unter dem Titel "Mancherley lustige teutsche und welsche Tentz, artlische Fanteseyen und liebliche Liedlein" spielte sie Musik von Hans Jundenkunig, Hans Newsidler, Hans Gerle, Melchior Newsidler und Matthäus Waissel, die belegten, daß sich die alte deutsche Musik nicht vor der "Konkurrenz" der italienischen oder französischen Lautenisten der Zeit zu verstecken braucht. Die Darbietung belegte darüber hinaus, daß Beate nicht umsonst zu den besten Interpreten dieser Musik gezählt wird.

An diesen Vortrag anschließend hielt sie noch einen Fachvortrag unter dem Titel "Keine Angst vor deutscher Tabulatur". Wie der Titel schon sagt, ist die deutsche Tabulatur bei Lautenisten recht unbeliebt. Die Ursache könnte sein, daß sie einem anderen Ansatz folgt als die anderen bekannten Arten von Lautentabulaturen. Erfunden wurde diese Tabulaturform angeblich von dem Blinden Paumann und lehnt sich an die Orgeltabulaturen an. Sie kam auch nur in dem deutschsprachigen Raum (zzgl. Ungarn und anderer osteuropäischer Länder) und nur im 16. Jahrhundert zum Einsatz. Beate kam zu dieser Tabulaturform, weil sie es "schrill" fand, daß es dort eine Tabulaturform gäbe, die niemand spielen kann. In ihrem Vortrag ging Beate dann auf die verschiedenen bekannten Quellen ein und nennt unterschiede der Tabulaturen. So hätte Virdung in seinem Buch die Tabulatur fehlerhaft dargestellt und als beispiel ein völlig unspielbares Stück mitgeliefert. Dem Ganzen hat dann Schlick widersprochen und bessere Beispiele geboten .

Als Schule lobt und empfiehlt Beate das pädagogische Werk von Jundenkunig (nach dem ich mir auch die deutsce Tabulatur angeeignet habe). Judenkünig gibt immer eine "Hand" an, in die die Buchstaben der Tabulatur eingetragen sind. Beate hätte zunächst die "Hand" neben die Stücke gelegt, doch es mühsam gefunden, jedesmal, wenn sie nicht weitergekommen sei, aufzuhören und die "Hand" zu befragen, dann hätte sie sich die "Hand" tatsächlich auf ihre Hand übertragen, was durch simples Schauen auf die linke Hand ihr sofort die Lösung zu ihrem Problem gegeben hätte (ihr also die Orientierung wiedergegeben hat).

Anschließend war wieder Musik der frühen Renaissance aus dem ältesten spielbaren Lautenmanuskript, dem Pesaro-Manuskript, zu hören, von dem "besten italienischen Lautenisten": Andrea Damiani. Nach seinem Vortrag wird wohl niemand mehr an dieser wertenden Einleitung von Lutz Kirchhof Zweifel gehabt haben. Die Musik aus dem Pesaro Manuskript erscheint selbst mir als Kenner der Renaissancelautenliteratur befremdlich und oft schlicht, doch das Spiel von Andrea schafft eine Klarheit und Struktur, die gepaart mit musikalischem Ausdruck, der sich niemals in Virtuosität verliert, ihresgleichen sucht. Für mich ein absolutes Highlight dieses Festivals!

Nach einer kurzen Pause begann dann das Abendprogramm: "Or che l anotte ogni color nasconde" (die Nacht verhüllt alle Farben) war der Titel des Programmes, welches das Ensemble Melancholia aus Mailand unter der Leitung von Ilaria Villa gab. Außer italienischen Liedern gab es einige schöne Lautensolos aus dem Castelionebuch, sowie von Francesco da Milano und anderen zu hören. Sehr schön war auch ein englisches Lautenlied, das Richard Benecchi, von sich selbst begleitet, vortrug.

Mit Spannung erwartet war die Aufführung afrikanischer Gnawamusik vom Ensemble des Meisters Abdelkadar. Die Gnawamusik kommt ursprünglich aus dem Sudan und fand ihren Weg nach Marokko durch einen marokkanischen Sultan, der in 1727 meinte, er bräuchte ein Leibgarde aus Farbigen, die daraufhin kurzerhand im Sudan rekrutiert wurden und ihre Musik von dort mitbrachten. Bei dieser Musik geht es darum, Geister (Dschinns) zu beschwören und durch Tanz auszutreiben - Dresden dürfte nun "dschinnfrei" sein!

Zuerst war ich überrascht vom Klang der Gembri, einer Art Baßlaute. Ich vermutete, sie sei verstärkt, doch - sie ist wirklich so laut! Cymbeln kamen dazu und gaben Rhythmus. Ganz allmählich steigert sich Tempo und endet in einer Katharsis, die zur Vertreibung des Dschinns führt. Hierbei wirken die Cymbalisten und Tänzer als eine Art Medium. Als später die Cymbeln durch Pauken ersetzt wurden, war der vollbesetzte und begeisterte Saal total in den Bann dieser magischen Musik gezogen und der Auszug der Musiker und Tänzer wurde begeistert beklatscht, bis sie unter Paukenschlagen wieder zurückkamen und eine Zugabe gaben.

Anschließend waren nicht nur die Musiker völlig erschöpft, auch die Gäste waren es! Dennoch haben sich die Lautenisten und Freunde der Alten Musik noch lange bei Bier und Wein unterhalten und sicher kamen die meisten viel zu spät ins Bett! Es ist doch viel zu selten, daß man eine solch große Anzahl Gleichgesinnter trifft, um die Glegenheit zu einem Pausch zugunsten von Schlaf zu verpassen ...

 

Dresden, Tag 2

Der zweite Tag des Festivals startete mit der Mitgliederversammlung der Deutschen Lautengesellschaft.

Parallel dazu begann die Verkaufsausstellung der Instrumentenbauer und des einzigen Verlages, der sich außer der Lautengesellschaft an der diesjährigen Veranstaltung beteiligte (Stefan Lundgren). Ich fand das sehr schade, denn die Notenausstellungen dienen für mich auch oft als Anregung, geben einen Überblick, was alles an Noten auf dem Markt ist und sicher wäre ich nicht der einzige Konsument gewesen. Aber so "mußte" ich mich auf die ausgestellten Instrumente von Matthias Wagner, Michael Haaser, Zilmann&Milbradt, Wolgang Emmerich, Frank-Peter Dietrich und Renzo Salvador konzentrieren. Wie immer war ich fasziniert sowohl von der hohen Qualität der Instrumente als auch, wie verschieden sie doch sind. Aber auch ein Blick auf den Tisch des von Heiko Schmiedl organisierten Second-Hand Ladens, wo es qualitativ sehr hochwertige Lauten und alles mögliche gab – ich bin bei mehr als einem Instrument sehr in Versuchung gewesen, doch leider oder glücklicherweise konnte ich mir die Instrumente, die mich besonders interessiert hätten, dann doch nicht leisten.

Mit einer kurzen Verspätung, die durch die Hauptversammlung der Lautengesellschaft bedingt war, begann das Samstagsprogramm dann mit einem Vortrag, während dem Christian Kelnberger sein Buch über "Text und Musik bei John Dowland" vorstellte. Durch kritische Rezensionen im Vorfeld etwas skeptisch hörte ich dem Vortrag zu, der über Daten zu Dowlands Biographie zu Dowlands Liedersammlungen führt und diese als Kommentar zu dem elisabethanischen England deutet.

Hier wird deutlich, daß sich Christian Kelnberger auf die Dowland’s Lyrik konzentriert und damit in seinen Übersetzungen den deutschsprachigen Musikern eine willkommene Interpretationshilfe bietet. Darüber hinaus sieht Kelnberger sein Buch als Arbeitsgrundlage, die auf Textanalysen basiert, aber auch musikalische Analysen enthält.

Diese Arbeit stellt mit Sicherheit eine große Bereicherung dar, da sie dem deutschsprachigen Musiker einen Zugang zu Dowlands Liedern erleichtert.

Diesem Vortrag folgte Heiko Schmiedels Vortrag über seine Neuentwicklung, die im Programm als Chettarone angekündigt war, aber eigentlich noch namenlos ist, da eine Chettarone das Gegenstück zu einem Archiliuto in der Cisternfamilie darstellt, während sich Heikos Instrument an der Theorbe orientiert. Doch vor den Erläuterungen kam der Klang: Heiko spielte uns Musik von Piccinini vor. Gespannt habe ich zugehört, nannte Heiko doch in einem Interview, welches ich vor dem Festival mit ihm durchführte auch die Lautstärke als einen Grund zur Entwicklung des Instruments. Dies konnte ich so nicht bestätigen – mir kam das Instrument auf dem Eröffnungskonzert nicht deutlich lauter als eine Chitarrone vor, doch wie klingt es nun, wenn es solistisch gespielt wird?

Hier wurde ich überzeugt, daß dieses Instrument ohne Namen eine Bereicherung ist: Es hat die Reichweite einer Theorbe, aber mit dem Farbenreichtum einer Laute.

Im anschließenden Vortrag erläuterte Heiko, daß er durch ein Bild in Praetorius Syntagma Musica angeregt, auf dem eine Theorbe mit flachem Corpus dargestellt wird auf die Idee zum Bau eines solchen Instruments gebracht wurde. Spart man sich dadurch doch die aufwendige Herstellung der Muschel. Er hat ebenso die Saitenaufhängung analog einer Cister gewählt, was Probleme mit der Stimmung vermeiden würde. Der Steg ist variabel, wodurch Mensuren zwischen 74 und 82 cm möglich sind. Die Bebalkung wählte er näher an der Cister, sie ist aber teilweise an die Theorbe von Alban angelehnt.

Zum Abschluß dieses Vortrags kam dann noch einmal das Instrument selbst dran. Heike spielte uns noch eine Galliarde von Piccinini vor und nach Beifall und drängendem Bitten aus dem Publikum auch noch eine Zugabe.

Als eine Einführung zum Abendkonzert "Tanz der Mächtigen" gab anschließend Rainer Luckhardt einen Einblick in das Leben "bei Hofe", wobei er seinen Vortrag analog eines "Ballet de Cour" strukturierte.

Als "Entrée" berichtete er über die Ursprünge der Hoftänze, die er im Carneval und den Maskentänzen sieht, für die in Italien sogar Leonardo da Vinci Köstume und Masken entwarf. Hierauf war der französische Hof neidisch und warb bei seinen Kriegszügen Künstler ab. Sogar Leonardo verbrachte seine letzten Lebensjahre in Frankreich und entwarf dort Masken und Kostüme für die Bälle bei Hof.

Als "Reference" bezog sich Rainer auf Macchiavelli und stellte das kulturelle Leben am Hofe als ein Mittel, um Macht zur Schau zu stellen.

Im "Basse Danse" berichtet Rainer über Katharina von Medici, welche die Armut des Volkes leugnen würde und darum die Hochzeit der Tochter pompös feierte. Die Tänze bei dieser Feier hätten nichts mehr zu tun mit Lebensfreude, sondern nur mit Zurschaustellung von Macht. Die Macht bräuchte aber Publikum und Helfer, deren es zu allen Zeiten genügend gegeben hätte. Darunter auch die internationale Lautenistenszene dieser Zeit. Die Musik bei diesen Anlässen seine freie Intavolierungen und Tänze, gelegentlich (gegen Widerstände des Klerus) ergänzt durch als frivol und gewagt empfundene Tänze von der Straße. Die armen Schichten der Bevölkerung wiederum versuchten sicherlich, daß musikalische Leben der Höfe zu imitieren, jedoch dürfte "handfesteres", schlichteres und vitaleres überwogen haben.

Nun folgte ein weiteres musikalisches Highlight des Festivals: Paul Beier spielte Musik von Giovanni Antonio Terzi. Wer diese Musik kennt, weiß, wie schwierig sie technisch (und auch musikalisch) ist, doch Paul schien die Ruhe selbst und stellte die Musik auch so dar. Man hätte denken können, Paul spiele Anfängerstückchen und nicht Musik, die zum Schwierigsten gehört, was für Renaissancelaute komponiert wurde. Pauls Ruhe und interpretatorische Leistung übertrug sich auch auf das Publikum, das diesen Vortrag begeistert beklatschte, woraufhin Paul eine Zugabe geben mußte, die wiederum so stark beklatscht wurde, daß er noch eine Zugabe gab, diesmal im Duett mit Andrea Damiani.

Ich brauchte nach diesem tollen Vortrag eine kleine Pause, die leider dazu führte, daß ich Matthias Wagners Vortrag über die "Kunst des Lautenbaus" verpaßte, der, wie mir berichtet wurde, anschaulich und reich illustriert beschrieb, wie eine Laute entsteht. Ich hoffe, einen detaillierteren Bericht über diesen Vortrag nachreichen zu können.

Leider war der folgende musikalische Vortrag von Sigrun Richter mit stilisierten Tänzen des französischen Barock von Dufaut, Bouvier und Mouton Opfer der einzigen ernstzunehmenden Panne des Festivals, indem dieser Vortrag verstärkt wurde und dadurch der Klang der Laute deutlich verfälscht wurde. Die Künstlerin konnte dies durch die Anordnung der Lautsprecher bedingt nicht bemerken und spielte munter drauf los. Schade! Ist Sigrun doch sicher eine der besten Interpretinnen dieser intimen, subtilen und hochverfeinerten Musik, deren Feinheiten (die sie, wie ich von früheren Gelegenheiten weiß) perfekt darzustellen weiß!

Über "Laute und Tanz in der Ikonographe" berichtete uns anschließend Mariagrazia Carlone.

Es gäbe leider nur wenige Bilder, die Lautenspieler zusammen mit Tänzern zeigen. Deutlich mehr Bilder gäbe es, die Lautenisten mit anderen Instrumentalisten abbilden. Der reichhaltig mit Abbildungen illustrierte Vortrag begann mit einem Bild von Baldini aus dem 15.Jahrhundert, welches den Monat Februar darstellt. Dies sei ungewöhnlich, den Musik und Tanz werde gewöhnlich mit wärmeren Jahreszeiten assoziiert. Bei den Bildern dieser Zeit war Originalität eine eher selten anzutreffende Tugend; es wurden überwiegend ältere Meister kopiert oder, gemäß dem Ideal der Renaissance römische oder griechische Vorbilder genommen. Diese Bilder stellten selten das "echte Leben" dar, sondern eher "typologisierte" Szenen . Gemäß den Idealen der Zeit wurden Menschen in Bewegung dargestellt, wodurch eine Symbolik erzeugt wird ("Bewegung der Seele"). Tanzende Menschen wurden oft im Kreis dargestellt, was einmal verdeutlicht, daß Tanz dargestellt wird und den Symbolgehalt des Kreises wiedergibt (Harmonie, Beständigkeit etc.).

Einen Rückbezug auf Rainers Vortrag fand sich, als Mariagrazia verdeutlichte, daß große Bewegungen zur Darstellung des Minderwertigen und Vulgären, kleinere Bewegungen dagegen zur Darstellung des Vornehmen dargestellt wurden. Bei diesem Vortrag wurde Mariagraziq von Petra Schwind unterstützt, die den englisch gehaltenen Vortrag gekonnt ins Deutsche übersetzte und von Paul Beier, dr die Folien betreute und Andrea Damiani, der den Diaprojektor betreute.

Nach einer kurzen Pause für das Abendessen ging es weiter mit der Veranstaltung "Tanz der Mächtigen", die vom Freiburger Renaissance Ensemble Passo e Mezzo zusammen mit dem Dresdener Hoftanz gestaltet wurde.

Hierbei wurden innerhalb einer (frei erfundenen) Rahmenhandlung Musik und Tanz aus der Renaissance einem begeisterten Publikum vorgestellt, wobei nicht nur die Höfe, sondern auch "Pauren Tänze" gezeigt wurden, die dem Festival ja den Namen gaben. Somit handelte es sich bei dieser Veranstaltung quasi um die Titelveranstaltung des Festivals "Der Fürstin Pauren Danntz".

Besonders hervorheben möchte ich zu dieser Veranstaltung die Leistung des Perkussionisten Murat Coskun, die mich persönlich am meisten begeistert hat! Aber auch die anderen Instrumentalisten machten ihre Sache hervorragend und das Publikum zeigte seine Begeisterung in stürmischen Applaus. Zu den Tanzdarbietungen kann ich leider nicht viel sagen, da ich nur noch Platz in einer der hinteren Reihen gefunden hatte und somit sehr wenig sehen konnte.

Abschluß des Samstags war das "Nachtkonzert bei Kerzenschein" unter dem Titel "Welcome black night ...", zu dem sich Lutz Kirchhof in bester Spiellaune zeigte. Unglaublich, welche Farben er aus seiner Laute herauszauberte. Jacqueline Krohne erwies sich als eine perfekte Interpretin dieses sensiblen Repertoires, das außer schönen französischen Liedern (zum Beispiel von Guedron, Boesset und Ballard) Musik von Campion und Dowland enthielt. Als echte Schotten zeigten sich die beiden Künstler zum Abschluß bei Musik aus dem Rowallen Manuskript und "Bythe, blythe and merry are we!". Gradezu frenetisch bejubelt wurde dieses herausragende Konzert, das sicher die meisten Zuhörer als das Highlight des Festivals bezeichnen werden.

Im Anschluß an dieses Konzert äußerte ich mich begeistert über Jacqueline und meinte, sie könne sich perfekt der Laute anpassen, was für Sänger ungewöhnlich sei, woraufhin mir entgegnet wurde: "Ich fand, die Laute gewann dadurch, daß jemand sang" – so unterschiedlich kann die Sicht sein ..

Der dritte Tag des Dresdener Lautenfestes startete mit einer Veranstaltung "Kinder entdecken die Laute", zu der eine größere Gruppe Kinder erschien, die mit Matthias Wagner zusammen eine Laute aus ihren Einzelteilen zusammensetzen durften, bei Beate Dittmann erste Töne auf einer Laute erzeugen durften und zusammen mit Janice Santos einen Tanz einstudierten, was sehr gut klappte. Offenbar hat es den Kindern und auch den Betreuern großen Spaß gemacht, so daß man hoffen kann und darf, daß es auch bei zukünftigen Festivals Veranstaltungen für Kinder geben wird.

Das musikalische Programm begann dann mit Musik auf der klassischen Gitarre. Milorad Romic aus Bihac in Bosnien (nun Regensburg, Schüler von Stefan Lundgren) spielte uns Musik von Brescianello, Sor, aber auch Eigenkompositionen, die Elemente aus der Tanzmusik seiner Heimat enthalten. Die letzteren waren sehr virtuos und mit folkloristischen Elementen durchsetzt. Sein Vortrag von Brescianello erregte mein besonderes Interesse, denn hier hatte ich noch deutlich Pietro Prossers Vortrag dieser Musik vom letzten Jahr im Ohr. Sicher hat Milorad die Musik sehr schön und angemessen dargestellt, doch ich war erstaunt, wie unterschiedlich sie dennoch klingen!

Anschließend unterrichtete uns Frank Legl über die Ergebnisse seiner Weiß-Forschung, in diesem Vortrag bezüglich der Verbindungen von Sylvius Leopold Weiß zum Berliner Hof. Frank Legl konnte vier Kontakte belegen und vorstellen.

Der erste Kontakt findet sich belegt im Kassenbuch des hessischen Erbprinzen und muß um den Jahreswechsel 1705/1706 stattgefunden haben, bevor er für ca. 2 Monate nach Düsseldorf ging.

Einzweiter Kontakt fand 1728 anläßlich von Gesprächen über ein Hochzeitsprojekt (die 19-jährige Wilhelmine sollte mit dem 50-jährigen August vermählt werden) zwischen dem Berliner und dem Dresdener Hof. Zu diesem Besuch durfte der spätere Friedrich II. mit. Am 24.1. feierte er Geburtstag und schrieb in einem Brief vom 26.1. an seine Schwester Wilhelmine, er hätte mit Quantz (Flöte), Pisendel (Violine), Richter (Oboe) und Weiß (Laute) musiziert.

Ein Gegenbesuch des Dresdener Hofes fand im Mai 1728 in Berlin statt, zu dem auch Quantz, Pisendel und Weiß mitmußten. Sie mußten auch für ca. 3 Monate in Berlin bleiben (Quantz sogar noch länger). Es findet sich kein sicherer Nachweis dafür, daß Wilhelmine zu dieser Zeit Unterricht bei Weiß hatte. Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, denn es gehörte zu den Pflichten der Hofmusiker zu unterrichten. Wahrscheinlich war der Lautenlehrer von Wilhelmine ein Herr Felder.

Als Anmerkung bemerkte Frank Legl noch,d aß Wilhelmine nichts von diesem Hochzeitsprojekt wußte, sich aber in Briefen positiv über August den Starken äußerte. Aus diesem Hochzeitsprojekt wurde aber auch nichts und wie in Lautenistenkreisen bekannt, heiratete sie dann nach Bayreuth, wo Falckenhagen ihr Lehrer war, den sie dann zu Weiß schicken wollte.

Der dritte Kontakt war 1733 in Zusammenhang mit dem polnischen Thronfolgestreit, an dem auch der greise Prinz Eugen teilnahm. Da die Gegenpartei mit Frankreich verbündet war, fand ein Teil der Handlung am Rhein statt. In einem Brief an Wilhelmine erwähnt Friedrich. Weiß hätte ihn gut begleitet und er hätte eine 12-jährige Tochter, die recht gut spielen würde. Friedrich erwähnt nicht, welches Instrument sie gespielt hat – die Ergänzung, sie hätte Flöte gespielt ist in der späteren Ausgabe des Briefwechsels ergänzt worden. Nur welcher Weiß hat gespielt? Evtl. Johann Sigismund? Von Sylvius Leopold Weiß ist keine Tochter belegt, die Tochter Johann Sigismunds wäre zu jung gewesen (8 Jahre), um Friedrichs Angaben zu entsprechen. Weiß ist auch kein ungewöhnlicher Familienname, so daß der erwähnte Musiker auch in ganz anderer Richtung zu suchen sein könnte.

Ein letzter Kontakt des Berliner Hofs zu Weiß ist 1737 belegt, als Friedrich in Rheinsberg weilte. Dorthin bewarb sich Ernst Gottlieb Baron. Er bekam die Anstellung, da er aber keine Theorbe hatte, durfte er nach Dresden gehen, wo Weiß ihm eine abtrat.

Nach diesem interessanten Vortrag spielten uns Jerzi Zak (Barocklaute) und die bezaubernde Milena Dobroc (Barockgitarre) aus Warschau, verstärkt von Laura Frey an der Viola da Gamba Musik von Jakob Kremberg, in die Musik von Sylvius Leopold Weiß aus dem Pariser Maniskript eingestreut wurde.

Krembergs Lieder klingen auch sehr schön in der von Kremberg selbst auf dem Titelblatt der Ausgabe der "Musicalischen Gemüths-Ergötzung oder Arien ..." erwähnten Alternativbesetzung.

Jerzi Zak gab eine schöne Vorstellung mit Musik des jungen Weiß.

Leider mußte ich anschließend abreisen, doch mir wurde berichtet, das abschließende "Banquetto Musicale" zu dem nochmals das Ensemble Lodi Musicali aufspielte, wäre mit seinen Gaumenfreuden und der Möglichkeit, selbst das Tanzbein zu schwingen, sehr gut angenommen worden.

Aufgrund des großen Erfolges traten anschließend nochmals die Gnawamusiker um Abdelkadar auf und übertrafen mit ihrem Auftritt noch ihren Erfolg vom Freitag, indem sie das Publikum in ihre Aufführung mit einbezogen und so manch einer, der sicher nicht damit gerechnet hatte, sich plötzlich tanzend dabei fand, die Dschinns aus der Dresdener Dreikönigskirche zu vertreiben.

Das Dresdener Festival konnte auch dieses Mal deutlich den Reichtum der Lautenmusik, -instrumente und –spieler verdeutlichen, konnte wieder einen Einblick in die Vielfalt der unterschiedlichen Epochen, musikalischen Richtungen, Stilistiken geben und konnte doch auch in diesem Jahr wieder nur einen winzigkleinen Auszug aus dem Bereich von Musik für und mit Laute bieten.

Wie auch im letzten Jahr war es toll, wie gut die Veranstaltungen besucht waren, auch das Medienecho war enorm. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch die freundliche Atmosphäre vor Ort und die hervorragende Organisation, für die allen Beteiligten Dank gebührt. Als Hauptverantwortlicher und somit auch Hauptleidtragender an all dem Ärger sei hier nur Lutz Kirchhof erwähnt, der über ein Jahr hinweg an dieser Veranstaltung mit großem Eifer arbeitete. Wahrscheinlich kann sich niemand vorstellen, wie groß der Aufwand ist, der für die Organisation eines solchen Festivals betrieben werden muß und man kann es sicherlich als Opfer ansehen, wenn sich begeisterte Fans der Laute finden, die diese Arbeit ehrenamtlich übernehmen.

Leider haben die Organisatoren des diesjährigen Festivals eine Auszeit beschlossen und ich habe Gerüchte gehört, wonach die Stadt Dresden das Festival in Eigenregie ohne Mitwirkung der Deutschen Lautengesellschaft fortführen will, so daß zum jetzigen Zeitpunkt leider kein Ausblick auf das nächste Festival der Laute gegeben werden kann.

 

Interviews:

Lieber Lutz, Du warst ja an exponierter Stelle als künstlerischer Leiter und Ausführender am Festival beteiligt. Bist Du mit dem Verlauf des Festivals zufrieden?

Ja, ich bin sehr zufrieden und wie Du Dir denken kannst, auch erleichtert, weil man ja vorher nie wissen kann, was alles so passieren wird. Es ist wohl alles sehr gut gegangen. Die Künstler waren in guter Form, das Publikum sehr interessiert und aufnahmebereit und die Medien haben sehr positiv über das Ganze berichtet.

Was hat Dir besonders gefallen?

Abgesehen von den künstlerischen Leistungen, hat mir die Zusammenarbeit des Festival-Teams sehr gut gefallen. Ich war schon in den Monaten vorher von der Tatkraft und dem Idealismus aller Leute sehr angetan. Als es nun hart auf hart ging und keine Zeitverzögerungen mehr erlaubt waren, klappte trotzdem alles sehr gut und professionel bei uns. Niemand bekam schlechte Laune, obwohl die Widrigkeiten manchmal ziemlich massiv waren. Aber gerade in solchen Situationen sieht man, wie stark das gegenseitige Vertrauen und die Zuverlässigkeit ist - es war wirklich beeindruckend.


Gab es etwas, was Dich am Festival genervt hat?


Mich haben die trübsinnigen Gesichter mancher Vorstandsmitglieder etwas genervt, die sich geärgert hatten, weil DLG-Mitglieder den ermässigten Eintritt bezahlen sollten.

Was sollte Deiner Meinung nach im nächsten Jahr unbedingt berücksichtigt werden?

Es sollte unbedingt schnell (!) entschieden werden, ob, wann und wo das Festival stattfinden soll. Danach müssen zunächst die Konditionen feststehen, bevor eine Programmplanung einsetzen kann.
Wie geht es nun weiter? Wird es ein Dresden 2002 geben? Wird es überhaupt ein Festival geben? Wenn man das diesjährige Programmheft liest, könnte man das so annehmen, oder?

Ich habe bereits das Thema und den Titel des nächsten Festivals festgelegt. Außerdem habe ich einige Programmpunkte mit den Künstlern vorbesprochen und in eine Vorschauliste gesetzt. Ob dies alles so realisiert werden kann, ist noch ganz offen, weil der Vorstand erst entscheiden muß, wie es mit dem Festival weitergeht.

Dein Konzert war ja eines der großen Highlights dieses Festivals - aber Du arbeitest doch nicht regelmäßig mit Jacqueline, oder? Wie kam es denn zu der Zusammenarbeit? Wie muß ich mir denn die Vorbereitung bei diesen Distanzen (Weilburg - Dresden) vorstellen?

Ich hatte Jacqueline zuerst als Künstlerbetreuerin für das Festival engagiert, ohne zu wissen, daß sie Sängerin ist. Das erfuhr ich natürlich bei unseren Besprechungen. Ich schlug dann vor, sie könne mit Haiko Schmiedel, ihrem Freund, ein Programm mit tänzerischen Dowland-Liedern vorbereiten, um den Vortrag von Christian Kellenberger über sein Dowland-Texte-Buch zu ergänzen. Haiko war aber bereits mit seinen anderen Aktivitäten ziemlich überlastet und so bot ich an, selbst ein paar Lieder zu begleiten. Bei unseren Proben stellte sich dann allerdings heraus, daß Jacqueline eine außergewöhnlich großartige Sängerin ist und ich lieber ein ausführlicheres Programm mit ihr machen wollte. Ich verzichtete auf mein Barocklauten-Soloprogramm und arbeitete mit ihr einen richtigen Liederabend. Wenn man von einem Partner begeistert ist, stellen Entfernungen für Musiker keine großen Probleme dar; man ist ja froh, daß jemand in einer ähnlichen künstlerischen Welt lebt wie man selbst. In dieser Welt bewegt man sich sonst manchmal etwas einsam. Ein paar lächerliche Reisestunden können einen dann von gemeinsamer Probenarbeit nicht mehr abhalten. Wir haben noch allerhand Pläne für die Zukunft.

Das Festival war ja sicher stressig - Du hast Dir nun erstmal Pause und etwas Ruhe verdient, nicht?

Das kann man wohl sagen ! Aber auf der anderen Seite sind die vielen positiven Reaktionen sehr aufbauend - so gleicht sich eben alles wieder aus.

Vielen Dank sagt Thomas

Lutz: Gern geschehen !!!

 

Interview mit einem Künstler, der gerne anonym bleiben möchte

Are you satisfied with the festival? Impressions?

Yes. I was impressed with the very good organization of the events and the participation of the city of Dresden, the very nice places in the church and the town-house for the concerts and lectures. The whole program seemed to go smoothly and there seemed to be quite good audiences for all of the events, as far as I could tell.

Is there anything you have liked the most?

Well, the best part was meeting my Lute friends and acquaintances in Germany and making new ones. I think this is really the main benefit of a Lute society and the best reason for holding such an annual meeting. We would have liked to have had much more time just to spend in conversation, but this is always the case with such an event...

was there anything you really didn't like?

Do you have suggestions for the next festival?

I would not say there was anything I didn't like, but I did notice a few things that might be improved from the standpoint of scheduling and image. I think it is nice to have a music festival where many people have a chance to play and there is a great variety of concerts, of differing artistic standards. There should be a place for everyone at such a festival. But I noticed that the greatest care was not given to differentiating the artistic quality of the concerts sufficiently. Some of the "best" concerts, in terms of scheduling and venue, were given over to events that were not of the highest quality. Also, some concerts were provided with elaborate programs and program notes, for instance, while the majority were not. Also, I am aware of several fine recent CD recordings by a number of German lutenists, but I did not see many of these lutenists represented at the festival. Finally, I did not quite understand what concerts by a modern guitarist and an Arabic group had to do with a Lute festival.So this would be my suggestion for future events: greater care to distinguish "professional" from "amateur" events; more equal treatment among concerts (programs and program notes, etc.) and a wider participation of the fine professional lutenists now working in Germany.

 

Again thanks for everything and all the best to you.

 

Wie hat Dir das Festival gefallen? Eindrücke?

Ja! Ich war beeindruckt von der sehr guten Organisation der Veranstaltungen und der Beteiligung der Stadt Dresden, den sehr schönen Veranstaltungsorten in der Kirche und dem Kulturrathaus für die Konzerte und Vorträge. Das ganze Programm schien locker abzulaufen und für alle Veranstaltungen war scheinbar gutes Publikum da.

 

Was hat Die besonders gefallen?

 

Nun, der schönste Teil war meine Lautenfreunde und -bekannten in Deutschland zu treffen and neue Bekanntschaften zu schließen. Ich denke, daß ist wirklich der größte Nutzen einer Lautengesellschaft und der beste Grund, ein solches jährliches Treffen abzuhalten. Ich hätte gerne viel mehr Zeit gehabt, nur um sie mit Gesprächen zu verbringen, aber das ist ja immer so bei derartigen Veranstaltungen ...


Gab es etwas, was Dir überhaupt nicht gefallen hat? Hast Du Vorschläge für das nächste Festival?


Ich würde nicht sagen, daß da irgendwas war, was mir nicht gefallen hat, aber ein paar sachen sind mir aufgefallen, die von der Terminplanung und Vorstellung her verbessert werden könnten. Ich denke, es ist nett, ein Musikfestival zu haben, wo viele Leute die Chance bekommen zu spielen and es gibt eine große Auswahl an Konzerten von verschiedenem künstlerischen Anspruch. Da sollte Platz sein für jeden auf solch einem Festival. Aber mir ist aufgefallen, daß nicht die größte Sorgfalt darauf gelegt wurde, den künstlerischen Anspruch genügend differenziert darzustellen. Einige der "besten" Konzerte, im Sinn von Zeitpunkt und Inhalt, wurden von Programmen gefolgt, die nicht von höchster Qualität waren. Auch gab es zum Beispiel zu einigen Konzerten ausgearbeitete Programme während die Mehrzahl das nicht hatte. Dann kenne ich auch noch einige gute CDs von deutschen Lautenisten, die in der letzten Zeit herausgekommen sind, von denen aber nicht viele auf dem Festival vertreten waren. Und zum Schluß: Ich habe wirklich nicht so recht verstanden, was ein moderner Gitarrist und eine Arabische Gruppe auf einem Lautenfestival zu suchen haben. 

Also somit wären meine Vorschläge für die Zukunft: Größere Sorgfalt, "Professionelle"- von "Amateur"-Veranstaltungen zu unterscheiden, die einzelnen Auftritte gleich behandeln (Programmhefte /-zettel) und eine größere Beteiligung der guten professionellen Lautenisten, die zur Zeit in Deitschland arbeiten.

Noch einmal Danke für alles und alles Gute an Dich.

 

 

Eindrücke eines Ausstellers:

Wolfgang Emmerich zum Dresdener Lautenfest

 

Als Aussteller hat es mir bei Weitem besser gefallen als letztes Jahr, weil dieses Jahr ein bei Weitem grösseres qualifiziertes Publikum zugegen war. Es zeigt sich, dass es gut ist, wenn die Lautentage öfter am gleichen Ort stattfinden, damit der Bekanntheitsgrad wächst. Von daher fände ich es gut, sie könnten sich weiterhin in Dresden etablieren.

Grundsätzlich gefällt mir der Ausstellungsraum sehr. Wenn ich meine Instrumente vorführen möchte, habe ich allerdings die gleichen Problemewie auf fast jeder Ausstellung: In jeder Ecke klimpert jemand und es ist bei der Lautkulisse nur schwer möglich, einen Eindruck vom eigenen Instrument zu geben. Weitere Räume, in die man sich zurückziehen kann, wären sehr gut – vor allem, da ich in Zukunft eine noch grössere Anzahl an Lautenbauern erwarte.

Über die Konzerte kann ich leider, wie üblich, wenn ich ausstelle, nur wenig sagen, da ich fast den ganzen Tag hinter meinem Stand „festsitze“.

Übrigens – 2 Tage (Samstag und Sonntag) als Ausstellungstage reichen aus.

Die Atmosphäre dieses Jahr hat mir sehr gut gefallen und ich habe viele nette Menschen gesehen und wiedergesehen.

Soweit meine Gedanken zum Dresdener Wochenende – dann bis zum nächsten Mal!