Übersetzung aus dem Lateinischen von Mathias Rösel, Bremen
Der Autor grüßt den Kunstfreund herzlich.
Wer du auch seist, lieber Kunstfreund, halte inne in diesem Vorhof zu meinem GARTEN und, wenn es gestattet ist, oder auch, wenn's beliebt, vernimm, was dir über die Art meines Vorhabens vor-her gesagt werden muß. Es sei gleich gesagt, daß du hier keine in bestimmte Regeln gefaßte An-weisung erwarten solltest, die Laute zu studieren oder wie man Vokalmusik auf den Lautenkragen überträgt. Wenn das einer sucht, mag er sich wenden an Emmanuel Adriansens "Pratum Musi-cum" (Antwerpen, 1592) oder Antoine Francisques Werk (Paris 1600) in der verbreiteten französi-schen Fassung, deren Lehrteil G. L. Fuhrmann auf Deutsch dem Anhang seiner "Testudo Gallo-Germanica" hinzugefügt hat (Nürnberg 1615), oder auch an J. B. Besards Druck "Thesaurus Har-monicus" (Köln 1603); denn ich hatte nicht vor, noch einmal zu machen, was es schon gibt. Ferner solltest du dir auch darüber klar sein, daß ich von der allgemeinen Gewohnheit der Auto-ren, die man hier sehen kann, insofern abgewichen bin, als ich nicht (wie andere) von einzelnen Gattungen allzu wenige Stücke in mein Werk hier übernommen habe. Sondern wie man denen, die ein Musikinstrument erlernen, anfangs üblicherweise fast nur Präludien, Fantasien, Fugen vor-setzt, so will ich dir im ersten Teil dieses musikalischen Werkes nichts als lauter Präludien, Fanta-sien, Fugen, und das nicht sparsam oder geizig, sondern, wie man sagt, aus der ganzen Scheune, zuteilen, und zwar so viele, wie ich in allen meinen Büchern auffinden konnte, die es wert waren, freilich so, daß du aus einer solchen Menge und Vielfalt eine leichte oder eher schwierige Auswahl treffen mußt. Für den zweiten, demnächst herauszugebenden Teil, falls der erste nicht mißfallen hat, bewahre ich die erlesensten, einerseits durch Süße, andererseits durch Neuigkeit gefälligsten, Stücke auf, als da sind (die unlateinischen Worte seien gestattet): Couranten, Volten, Branlen, Ballets, Galliarden, Passemezzi und dergleichen mehr, die ich in nicht zu verachtender rauher Menge gesammelt besitze. Da mir ferner bei allen Autoren der Lautenkunst, deren ich habhaft werden konnte (ich habe mir von alten und neuen etwa 18 verschafft), kein Drucktyp mehr gefiel, wie gesagt, als der Antoine Francisques, habe ich dafür gesorgt, daß auch mein Druck, was die Abteilung des Taktes und die Buchstaben auf den Linien betrifft, genauso aussieht wie jener. Obwohl nämlich die sogenannte französische Tabulatur unseren Deutschen ungewohnt ist, wird dennoch Übung und reichlich Wie-derholung leicht überwinden, was schwierig ist, zumal die Buchstaben hier über die Linie gesetzt sind, die ja sonst üblicherweise mitten auf der Linie stehen. Ich meine allerdings in der Tat die Stimme derer zu hören, die schwätzen werden, teils, hier sei nichts von mir, teils, solche Stücke hätten nicht verbreitet und gleichsam entweiht werden dürfen, sondern hätten gut aufbewahrt werden müssen, da, wie man sagt, auch das eleusinische Mysteri-um das bewahrt, was es zur Schau stellt [es nur Eingeweihten eröffnet], und das allgemein Zu-gängliche an Wert verliert. Den letzteren (ich nehme das Hintere nach vorn [Hysteron proteron, griech. Figur]) entgegne ich, was Zenodotus in seinen "Sprichworten" bringt: Der Musen Pforten sind offen, und nichts scheint eines edlen Menschen so wert, wie daß er solcherlei Geschenke der Musen fröhlich und ohne Neid bedenkt. Wenn nun jemand von dieser Mitteilung her Geringschät-zung fürchten zu müssen meint, mag er wissen, daß an dieser Stelle das gilt, was - so berichtet Gellius irgendwo - Aristoteles dem Alexander geantwortet hat, als dieser ihm die Ausgabe der "Physik" aus demselben Grunde übelnahm: daß sie herausgegeben und nicht herausgegeben sei, da sie nur den Wissenden verständlich sei, also recht wenigen, weil vor die schönste Kunst die Schwierigkeit gestellt ist, die den meisten den Zugang zu ihr verschließt. Den Ersteren jedoch, denen ich nichts von mir dazugetan zu haben scheine, widerstreite ich nicht einmal sehr; inzwi-schen meine ich allerdings, dies mit einem gewissen Recht fordern zu dürfen: daß sie [auch ein-mal soviel] Fleiß beweisen beim Beschaffen und Urteilsfähigkeit beim Auswählen und Mühe bei der Aufteilung und einen fröhlichen und wohlwollenden Geist bei der Vereinigung der vortrefflichs-ten Künstler zu diesem Salbenschränkchen. Es sei denn, daß die wachsgenährten [khriotro/fa, richtig khro/trofa] Gaben der Bienen deswegen weniger willkommen oder für den menschlichen Gebrauch für weniger geeignet zu halten sind, weil sie, auf fremden Blumen sitzend, das nehmen, was sie für ihre Aufgabe gebrauchen können, und mit einer der menschlichen ähnlichen, jedoch unnachahmlichen Mühe den flüssigen Honig stopfen und die Kammern mit dem süßen Nektar füllen
Dennoch wollte ich weder die Namen jener Autoren zu den einzelnen Stücken schreiben noch deren Liste dem Werk voranstellen (beides ist in Besards und Fuhrmanns Werken, wie ich beo-bachtet habe, oft geschehen): einerseits, um nicht durch Vorurteil deine Meinung zu besetzen, wenn denn, wie unterm schmutzigen (Philosophen-) Mäntelchen nicht selten Weisheit verborgen liegt, so vom nicht so kunstfertig Dunklen oder Hellen oftmals etwas Berühmtes und Hervorragen-des auszugehen pflegt; andererseits, damit nicht etwas nicht-eigenen Autoren zugerechnet wird. Ich weiß nämlich nicht bei allen Stücken mit Gewißheit, von wem sie geschrieben worden sind. Da jedoch Kenner den Stil gebildeter Menschen ohne Schwierigkeit unterscheiden, wird es hier so geschehen. Druckfehler, die jedenfalls der Schlachtreihe der Augen auf dem Parcour [wörtl. etwa: beim wie-derholen Kunstritt] nicht entkommen sind, habe ich sorgfältig per Hand ausgemerzt. Wenn den-noch welche übriggeblieben sind, bitte rechne das nicht so sehr meiner Unerfahrenheit oder Nach-lässigkeit als meinen [vielen anderen] Beschäftigungen zu, und bitte erachte unsere [=meine] Ar-beit für angemessen und gut, und bitte wende, soviel an der kleinen Summe liegt, sie zum Kauf dieses Werkes nicht ungern auf. Dies wage ich dir nämlich zu versichern: Falls du Italien bereisen oder Frankreich durchwandern oder alle Winkel Englands und Deutschlands durchkriechen soll-test, wirst du kaum, ja nicht einmal kaum eine solche Menge erlesenster Musik, wie wir [=ich] sie hier geben, finden; ja, du wirst oft für ein einzelnes Stückchen meisterlicher Art, höchst schwierig zum Mitteilen (?), denselben Betrag oder mehr Geld hergeben müssen, als dich das ganze Bänd-chen so vieler ausgesuchtester Präludien, Fantasien, Fugen, die wir zusammengebracht haben und frei und öffentlich machen, gekostet hat. Du hast es. Jetzt darfst du, wenn's beliebt, die Wonnen meines Gärtchens durchlaufen.
whosoever you are, stay for a while at this entrance of my garden and, if you like, hear what you have to be told about the reason of my enterprise. Initially, you must know that you shouldn't ex-pect a tutor with rules how to study the lute or how to transpose vocal music unto the lute. If you are looking for something like that you'd better turn to Emmanuel Adriansen's "Pratum Musicum" (Antwerps, 1592) or Antoine Francisque's work (Paris 1600) in its popular french version, the doctrine of which G. L. Fuhrmann added in German to his "Testudo Gallo-Germanica" (Nuremberg 1615), or to J. B. Besard's printed edition "Thesaurus Harmonicus" (Cologne 1603) for I didn't in-tend to do again what's already done. Furthermore, you should be clear about the fact that I deviated from the common use of the au-thors to be seen here in not taking only very few pieces of singular kinds into my work, as others do, but the way learners are usually presented almost only preludes, fancies and fugues in the beginning, I shall in the present first part of this work give you nothing but merely preludes, fancies and fugues, and this not tight-fistedly but from a full hand, as the saying has it. I offer you as many as I could find in my books and have judged worth it but in such a way that you must yourself make your easy or rather difficult choice from such a multitude and variety. For the second part, if the first will have pleased, I have saved the most selected pieces which amuse by their sweetness and their novelty alike as there are (the following unlatin names be allowed:) courants, volts, bran-les, ballets, galliards, passemezzi and the like that I possess in a great number. Since among all authors of the art of the lute that I could obtain (I have acquired about 18 old and modern editions) none satisfied me more than that of Antione Francisque, I have taken care that mine looks like his in terms of bar measuring and letters on the lines. For although our Germans are not used to the so called french tablature, exercise and practise will easily overcome what is difficult, particularly because here the letters have been put above the line whereas otherwise they are usually put on the line. But indeed I feel like hearing the voices of those who will gossip, partly that nothing here comes from me, partly that these pieces should never have been spread and so been profaned but should have been kept safe since, as the saying has it, even the Eleusine mysteries save (for the insiders) what they show, and commonly accessable things lose in value. To the latter (I take it hysteron-proteron) I object what Zenodotus cites in his Adagia ("Sayings"): The doors of the Mu-ses are open, and nothing seems so worth noble man as to consider such gifts of the Muses sere-nely and without envy. Now, if someone thinks he must be afraid of some contempt contained in this saying, he ought to know that here applies what (as Gellius tells somewhere) Aristotle answe-red to Alexander when the sovereign was not amused for the same reason about Aristotle publis-hing his Physics. Aristotle answered that it was published and was not published as it was only comprehensible to those in the know, i. e. quite a few, because the path to the most beautiful art leads via difficulty which keeps the entrance locked for most people. To those who think I didn't add of my own work I don't even contradict very much but, meanwhile, I feel like challenging them to prove equal industry in acquiring and judgement in selecting and labour in disposing and a se-rene and benevolent heart in uniting the most prominent artists into this medicine cabinet. Unless the waxen presents of the bees are less welcome or less suiteable for human use because they take what they can use for their task sitting on foreign flowers and, with labour similar to but unimi-table by humans, stuff the liquid honey and fill the chambers with sweet nectar
Nevertheless I didn't want to give the names of the authors with each single piece nor to let a list precede the work (which both has been done with the works of Besard and Fuhrmann, as I've no-ticed). On the one hand, I didn't want to preoccupy your opinion by prejudice if it be so, as there is often wisdom to be found even under a dirty philosopher's cloak, that it has oftentimes happened that from less artfully obscure or bright works came something famous and prominent. On the o-ther hand, I didn't want pieces to be ascribed to authors who are not the creators. For it is not in each case certain to me by whom a piece was written. But as experts will without difficulty know the style of educated people, it will be done here as said. Misprints that at least couldn't escape the trooping eyes on the course, I did delete myself by hand. If despite of that some have remained, please don't ascribe it to my lack of experience or my negligence but to my business and judge my work good and, as for the little sum, spend it willingly to acquire this work. For this I dare asure you: If you travel through Italy or roam through France or creep on every corner of England and Germany you will hardly or not even hardly find such a lot of selected music as I present it here. What is more, for a single little piece of masterly art so difficult to get you will have to pay the same amount or more money than this whole volume of so many selected preludes, fancies and fugues which I have collected and make public and accessible, will have costed you. You have got it. Now, you may if you like run through the blisses of my little garden.