Die magische Kraft des Lautenisten

Barocklautenabend in evangelischer Kirche - In der Pause Wissenswertes vom Musiker


Wehrheim 18.05.2003 - Eine Traube von Zuhörern scharte sich am Sonntagabend in der Pause um den Musiker. Die wenigen, aber sehr interessierten Konzertbesucher des Barocklautenabends in der evangelischen Kirche nutzten die Gelegenheit, sich das heute eher exotisch anmutende Instrument ausführlich erklären zu lassen.

Lautenist Thomas Schall, von Beruf Programmierer, kam über seine Tätigkeit als Gitarrenlehrer in Berührung mit der Laute. Er lernte an Dr.Hoch's Konservatorium in Frankfurt dieses rund 1000 Jahre lang sehr populäre Instrument zu spielen und ist heute einer der wenigen Lautenisten.

Mit Lauten Dächer decken

Um 1700 soll es in Prag so viele Lauten gegeben haben, dass man damit die Dächer hätte decken können. Es gab Zeiten, da galt die Laute als "Königin der Musikinstrumente", entsprach doch ihr Ton und der fein modulierbare Klang dem Zeitgeist. Den Lautenspielern wurden bisweilen sogar magische und heilende Kräfte zugesprochen.

Eine magische Faszination ging in Wehrheim auch von Schalls Lautenspiel aus. Dies um so mehr, als die Laute mit ihren bis zu 28 Saiten wohl eines der anspruchsvollsten Instrumente ist. Diese Tatsache sowie der radikale Wechsel der Klangvorstellungen vom Barock zur Klassik und der Umstand, dass das Instrument mit seinen bis zu 13 Chören nahezu für jedes Stück neu gestimmt werden muss, führte nach Aussage von Schall Mitte des 18.Jahrhunderts offensichtlich zu seinem "Untergang".

Schall spielte in Wehrheim eine in d-Moll gestimmte Laute mit 20 Saiten und 11 Chören, die einem Instrument aus dem Jahr 1695 nachgebaut ist. Der Korpus besteht aus Ahorn-, die Decke aus Fichtenholz und Teile des Halses aus Elfenbein. Im Vergleich zur Gitarre sei die Laute sehr viel leichter gespannt und bedürfe einer anderen Spieltechnik, erklärte der Musiker. Irritiert zeigten sich vor allem die Gitarristen unter den Besuchern von der ungewöhnlichen Notation, einer besonderen Griffschrift, bei der der Rhythmus über dem System mit der Tabulatorschrift notiert ist.

Abgestimmt auf sein Instrument spielte Schall Lautenmusik aus der Barockzeit. Dass die von Johann Gottfried Conradi im Jahr 1724 herausgegebene Suite in C-Dur auch von ihm komponiert wurde, ist noch ungeklärt, aber nach Schall eher unwahrscheinlich. Philipp Franz LeSage de Richée, Komponist der dann folgenden Suite in d-Moll war vor allem für sein pädagogisches Werk bekannt.

Besonders ansprechend war Schalls Interpretation der Sonate in F-Dur von Sylvius Leopold Weiß, dem größten Lautenisten und bedeutendsten Komponisten für Lautenmusik, der auch "Vater der Laute" genannt wurde. Weiß war mit Johann Sebastian Bach bekannt und es wird berichtet, "dass er Bach auf der Laute gegen das einfach zu handhabende Clavier nicht unterlegen gewesen sein soll". Weiß führte als einer der Ersten die neue galante Sielweise der Laute ein, die Schall sehr eindrucksvoll in Wehrheim demonstrierte. Bei insgesamt sehr sanftem Anschlag wechselte er in zum Teil rasanten Läufen gekonnt zwischen Piano und Forte.

Auch wenn Schall beim "Fantasieren" - heute würde man Improvisieren dazu sagen - gelegentlich ins Stocken geriet, gelang es ihm, den Gesamtcharakter der barocken Lautenstücke hervorragend zu vermitteln. Dies galt auch für "La belle indifferente", ein Stück von Wolfgang Adam Anton [von Hoffer], einem Lautenisten aus dem Rhein-Main-Gebiet, der seinerzeit vornehmlich am Kurmainzer Hof gespielt hatte. Nach der Sonate in G-Dur von Johann Michael Kühnel spielte Schall als Zugabe eine Campanella, die offensichtlich zu seinen Renommierstücken gehört, trug er sie doch äußerst virtuos vor.

Neue Mitglieder erbeten

Wie nach dem Konzert bekannt wurde, hat der veranstaltende "Verein der Freunde und Förderer der Wehrheimer Kirchenkonzerte" offensichtlich Probleme, diese Reihe mit Konzerten auf hohem musikalischen Niveau weiterzuführen. Deshalb sei man auf neue Mitglieder angewiesen. Weitere Informationen gibt es bei Jan Schümmer unter Telefon 06081/42851.