Die Laute: Eine Vielfalt der Klänge

 


Wehrheim 18.05.2003 - Man mag es kaum glauben, aber das Instrument, das am Sonntagabend der gebürtigeFrankfurter Thomas Schall in beeindruckender Weise etwa 20 Musikinteressierten in der evangelischen Kirche zu Gehör brachte, hat etwa 1000 Jahre das musikalische Leben Europas beherrscht: die Laute. Wer an Walter von der Vogelweide und den Minnegesang denkt, liegt dabei so falsch nicht, indes - die Laute war zu ihrer hohen Zeit um 1700 herum ein höfisches Instrument.

Wolfgang Adam Anton von Hoffer, der Ältere, beispielsweise spielte am so genannten "kurmainzer Hof" und dies so gut und erfolgreich, dass er vom Wiener Hof abgeworben wurde. Thomas Schall brachte seine Stücke im zweiten Teil seines Vortrages und zeigte dabei, wie filigran sowohl die Musik der Laute, aber auch das Instrument selbst sein kann. Rainer Maria Rilke, als Verfasser der Duineser Elegien wohl bekannt, verglich in einem Gedicht, "Die Laute" betitelt, das Instrument mit einer reifen gewölbten Feige. Dies ist auch zutreffend, doch diese Feige - um im Bild zu bleiben - ist in der Mitte durchgeschnitten: Die bauchige Form mit den "schön gewölbten Streifen" (Rilke) auf dem Rücken verleiht dem Corpus zwar seine Stabilität, das Deckholz ist jedoch so millimeterdünn, dass man es - so Thomas Schall - "von innen mit einem kleinen Finger zerstören kann".

Schall spielt eine elfsaitige Barock-Laute, gestimmt im D-Moll-Akkord; darüber liegt die Tonleiter. Die elf Saiten in Verbindung mit dem vergleichsweise voluminösen Corpus des Instruments gibt dem Spieler in den Bässen viel mehr Möglichkeiten als bei einer Gitarre. Die Grifftechnik ist jedoch eine gänzlich andere, es wird ohne Nägel gespielt, und bauart-bedingt muss das Instrument bei jedem Tonart-Wechsel neu gestimmt werden. Auch die Noten haben ihre eigene Kompliziertheit: Sie bestehen aus einer Kombination aus Linien, Zahlen und Buchstaben. Thomas Schall beherrscht das Instrument so gut, dass er seine Zuhörer mit einem Hauch von Barock verzücken konnte. Zu Beginn erklang die Suite in C-Dur von Johann Gottfried Conradi, gedruckt 1724. Prelude, Allemande, Courante, Menuet und Gigue ließen die Laute filigran erscheinen, vom Klang her an eine spanische Gitarre erinnernd. Die Suite in d-Moll von Philipp Franz LeSage de Richée, erschienen 1695, repräsentierte den so genannten französischen Stil: Die Prelude ist ohne Taktstriche notiert, der Spieler ist gehalten, frei zu improvisieren, und "die Töne kommen nie so, wie man sie erwartet: mal früher und mal später", so Schall. Mit Sylvius Leopold Weiß brachte der Gitarrenlehrer dann den Meister der Laute schlechthin zu Gehör: kompliziert und verschachtelt die Tonfolgen, mit großer Raffinesse, aber eher getragen im Duktus.

Kurzum: Die Laute ist kein Instrument für Tempi-Spieler, sie taugt weder für Forte, geschweige für Fortissimo, sie ist ein Instrument, das Geschichten erzählen kann und dies ohne hektische Kapriolen. Die Feinfühligkeit, die mit ihr zum Ausdruck gebracht werden kann, machte Thomas Schall insbesondere mit seiner Zugabe deutlich: Der Campanella-Effekt - so auch der Titel des Stückes - verlangt leichte, zupfende Fingerspitzen, um die fein abgestimmten Klangfacetten zu erzeugen. Schall gelang dies hervorragend, der Applaus war gerechtfertigt, leider auch das Tragen von Mänteln und Parka, denn die ungeheizte, zugige Kirche ist dem gebotenen Kunstgenuss außerordentlich abträglich.